Von: Nancy Kühne
Gesendet: Montag, 3. Januar 2005 03:36


Hallo ihr Lieben!

Nach langem vertroesten und warten habe ich nun endlich meinen Reisebericht fuer September und Oktober fertig gestellt.

Viel Spass beim Lesen ;-) !

 

Wo fange ich am besten an? Die vergangenen drei Monate waren ein auf und ab der Gefuehle, angefangen bei meiner 4 Wochen langen Reise entlang der Ostkueste, ueber traurige Nachrichten und erfreulichen Besuch von zu Hause bis zur Entdeckung einer wieder einmal so ANDEREN Lebensart auf einer Schafffarm in Victoria. Leicht viel mir der Abschied von den Cowboys (und den Nuts ;-) ) ja nicht , um nicht zu sagen ich wollte eigentlich bleiben , aber irgendwie sollte "Lux" der Manager dann doch recht behalten, als er mir auf den Weg gab, dass sich immer eine neue Tuer oeffne, sobald sich eine hinter uns schliesse…

Krokodile, komische Typen, Hippies, Cossowarys, tropischer Regenwald, Corallen, Nemo, Flipper und die Holy Bibel! Es gibt so viel zu erzaehlen! Von Kathrine nach Darwin und mit dem Flieger nach Cairns: aus den staubigen Rinderyards in den tropischen Regenwald! Vier Wochen hatte ich Zeit, bis ich meine Mutsch am ersten Oktober vom Flughafen in Brisbane abholen sollte, vier Wochen prall gefuellt mit den unterschiedlichsten Begegnungen. Schnorcheln im "Great Barrier Reef" war fuer mich ein erster Einblick in die tatsaechlich bizarre, fremde, farbenfrohe und fantastische Welt des groessten Korallenriffes unserer Erde: Nach drei stuendiger, ausgiebigster Inspektion jeder einzelnen Welle des pazifischen Ozeans erreichte unser "Seestern endlich das erste Riff, und wir gingen vor Anker. Noch eine kurze Einweisung zu Schnorchel, Brille sowie Flossen, und auf geht's ins kuehle Nass! Hier gibt es so viel zu sehen, wo fange ich am besten an? Ich moechte "Nemo" finden, und "Dude" die Wasserschildkroete! Und waehrend ich nach diesen zwei Kollegen Ausschau halte, begegnen mir hunderte Andere! Gross und Klein, haesslich und schoen, bunt und grau. Und wenn man genau hin hoert, kann man sogar die Fische beim beknabbern der Korallen belauschen: "Krrr, krrr, krrr, … ." Eine mystische Welt! Und dabei schwimme ich in nichts anderem als dem Element Wasser, Wasser dass genau so blau und salzig ist, wie die Nordsee von nebenan! Doch der Star des Tages war eindeutig Wooly: Ein blau-gruen schimmernder Fisch vom Ausmaß einer Autotuer, und in dessen Maul man bequem eine Pampelmuse stopfen koennte! Doch so gross er auch ist, Wooly ist ein friedvoller Bewohner, der sich im Austausch fuer ein Scheibchen Wurst gern die glitschigen Schuppen streicheln laesst ;-) …

Mein Zelt hatte ich im Garten eines kleinen Hostel in Cairns aufgeschlagen, uns da das Glueck auf meiner Seite stand, liefen mir Katharina, Verena und Jonithan bald ueber den Weg. Unsere Plaene waren ueberraschend aehnlich, so dass wir uns drei Tage spaeter in einem gemieteten Wagen, die tropischen "Tablelands" um Cairns erkundend, wiederfinden. Kilometer um Kilometer saeumen Bananenplantagen und Zuckerrohrfelder die Strasse, die Vegetation wird undurchdringlicher, und Warnschilder mit diversen Reptilien lassen einen die Idee eines erfrischenden Bades im Fluss schnell vergessen…

Wir wandern einen endlos weissen Strand entlang, das salzige wasser umspuelt meine Fuesse, und Palmen erheben sich koeniglich ueber die restliche Vegetation. - Ploetzlich - ein zweibeiniger Einheimischer tritt aus dem Gebuesch und stolziert vor unseren Augen den Strand entlang: Ein Cossowary! Man stelle sich einen Emu mit riesigen Fuessen und einem blauen, aus Horn bestehendem Iro vor. Dieser an Uhrzeiten erinnernde Vogel steht auf der Liste bedrohter Arten und ist nur hier, im tropischen Norden Australiens zu finden. Wir halten uns in sicherer Distanz, denn die Bekanntschaft mit seinen wirklich ein paar Nummern zu gross geratenen Fuessen, wurde uns alles andere als waermstens empfohlen! ;-) Unsere Reise fuehrt uns suedwestlich, ein wenig Inland, und wir erkunden monstroese Feigenbaeume: Schaetzungsweise vor 500 Jahren landete dieser Gigant als Samen auf dem Ast eines Baumes, um diesen mit tausenden Aesten und Wurzeln zu umspannen, bis jener unter diesem Gewicht kollabiert und in einem Nachbarbaum landet… Es entstand ein Wurzelgeflecht, das von von 24 Menschen mit ausgestreckten Armen nicht umspannt werden kann! Ich fuehle mich sagenhaft klein: Dieser Baum ist etwa 30 mal so hoch wie ich, und sei Blaetterdach deckt eine Flaeche von 2000 Quadratmeter ab!

Wir wandern weiter durch einen Wald von dem ich am liebsten ein Stueck im Rucksack mitnehmen moechte: Geheimnisvoll und kuenstlerich verflochtene Lianen bringen uns zum staunen und laden zum anhalten, drauf sitzen und schaukeln ein! Und am Ende dieses interessanten Pfades, treffen wir auf die "Josephine Wasserfaelle," und wer wie ich bisher der Meinung war, Wasserfaelle seien nur zum anschauen da, der wird hier von Mutter Natur eines besseren belehrt: ein Sprung ins kristallklare Element kuehlt unsere Sinne… (keine Angst, die Krokodile haben wir hinter uns gelassen!) Wir danken dem Wasser fuer die letzten paar tausend Jahre harter Arbeit: Die Steine sind glatt und rund geschliffen, und wir koennen nicht wiederstehen, begeistert wie Kinder auf einem Mc Donalds Spielplatz, auf dem Poo hinunter zu schlittern!

Und wahrend die Zeit rast und Verena und Katharina nach Hause Fliegen, plane ich meine erste mehrtaegige Wanderung auf Hinchinbrook Island… Es fuehlt sich ein wenig an wie vor einer Mathearbeit, nur das mir diese Pruefung freiwillig und sinnvoll erscheint ;-) ) Man muss seinen Aufenthalt beim zustaendigen Parkbuero buchen, da sich nicht mehr als 45 Wanderer auf der Strecke befinden duerfen. Ich habe Glueck und bekomme zwei Naechte. - Nun schnell Faehre buchen, Lebensmittel einkaufen, Rucksack packen, Auf geht's! Ich wandere gemeinsam mit einem sehr netten jungen Mann aus Israel am Strand entlang, bestaune die sich hinter den Duenen erhebende Gipfelkette, und erfahre aus erster Hand alles ueber die Lage im nahen Osten… Ein wenig gruselig ist es dann aber schon von weitem die schlammigen Mangrovenbaenke zu beobachten - schliesslich wissen wir das darin dass groesste Reptil dieser Erde heimisch ist! (ich bin mir jetzt noch nicht im klaren darueber ob ich froh oder enttaeuscht seinen sollte, da ich letzendlich keines sichten konnte…)

Nun sind es nur noch wenige Tage bis Emirates mit meiner Mutsch an Board in Brisbane landen wird. Es ist spannend, und doch ein fremdartiges Gefuehl nach neun Monaten in Australien, den ersten Besuch von zu Hause zu empfangen! Der Plan ist, mit einem Mietwagen die Kueste entlang, bis nach Melbourne zu reisen: Puenktlich sechs Uhr morgens stehe ich in der Ankunftshalle , die Nacht zuvor hatte ich im Bus verbracht. Ich bin nervoes, haette ich vielleicht doch ein paar Blumen zum Empfang besorgen sollen? Egal, nun ist es sowieso zu spaet… Ein kunterbunter Mix von Menschen wartet, fiebert, sucht, winkt, umarmt. Und waehrend die erste Klasse in Anzug und Krawatte einen kleinen Trolley hinter sich herzieht, bahnt sich der gemeine Backpacker mit Flip Flops und geschnürtem Buendel seinen Weg. Und ploetzlich steht sie vor mir, ganz ungewohnt in Turnschuhen, Andre's rot-schwarzem Rucksack auf den Schultern, mit roter Maehne, frischem Make up und einem breiten Grinsen auf den Lippen: Meine Mutsch! Die naechsten fuenf Tage schlendern wir durch die lebhaften Strassen Brisbanes, unser Sabinchen schlaeft sich langsam aber sicher aus ihrem Jet Lag heraus, und weiss nun auch als letzte, dass in Australien mehr als nur anderssprachige Schilder den Strassenverkehr gewoehnungsbeduerftig machen…! Aber keine Panik, wir haben schliesslich ueber 2000 Uebungskilometer vor uns! (und ich weiss nicht wer dabei das schwerere los hat: Das Bienchen beim Aktivieren des Scheibenwischer anstelle des Blinkers, oder ich beim Wegeraten im unbeschilderten Hinterland) Noch heute ist es mir ein Raetsel wie wir letztendlich doch immer angekommen sind, es muss wohl das Temperament und der Geist unseres "WICKED", gewesen sein: Das Auto meiner wildesten Traeume, der Koenig der Strasse, das Gefaehrt auf dem "Highway to hell"! Ich verwette alle Nuts die ich geschnippelt habe, dass es ACDC Hoechst persoenlich vor Neid die Sprache verschlagen haette! Schwarz in der Sonne schimmernd, mit goldenen Flammen an den Seiten und getoenten Scheiben, schwebt er unbeirrt den Pacific Highway entlang… -Solange bis wir beim Wenden auf einer Nebenstrasse die Stossstange etwa 2cm tief eindellen… Er schien es uns nicht uebel zu nehmen, wir haben ihn schliesslich mit besten Zerialien verwoehnt: umweltschonende fuenf Liter Oel in knappen vier Wochen ;-O)

Wir erkunden kontrastreiches Gebiet: Tiefe Schluchten in die Wasserfaelle hinab donnern, (die Geraeuschkulisse beschraenkt sich allerdings aufgrund anhaltender Trockenheit auf ein eher popeliges plaetschern) aber wozu hat man Fantasie ?! ;-) Die Ausblicke sind dennoch gigantisch, und unser Van abends direct am Strand geparkt, verleiht unserer spartanischen Bleibe einen Millionenschwere Ausblicke! ;-)

Wir halten in kleinen Fischerdoerfern, ich fotografiere ungefähr 30 mal die ansaessigen Pelikane, und mit etwas Glueck bekommen wir sogar das groesste Saeugetier unserer Erde zu Gesicht: Buckelwale! Zwischen September und November wandern diese faszinierenden Kreaturen von der Antarktis kommend, die australische Ostkueste entlang, in die waermeren Gewaesser des Pazifik, um dort ihre Jungen zu gebaeren. Und jades mal wenn auch nur eine schwarze Flosse und ein weisse Fontaene in der Ferne das Ausmass dieses Tieres erahnen laesst, laueft uns beiden ein kalter Schauer ueber den Ruecken! Einfach gigantisch! Wir wollen einen nahen Blick erhaschen, und verschiedene organisierte Touren helfen dabei: Man faehrt mit einem kleinen Schiff auf Wahlsuche, und wenn man Glueck hat kommen die ansaessigen Delphine sogar ein Stueck mit! Neugierig springen sie aus dem Wasser, und es scheint ihnen nicht einmal Anstrengung zu bereiten, wenn sie schneller als wir durch das Wasser gleiten…

Etwa 500km noerdlich von Sydney, erreichen wir einen kleinen Ort namens Bellingen, und anstelle der geplanten Kanufahrt, erleben wir ein Paradebeispiel von Gastfreundlichkeit. Wie magisch angezogen von der Musik die aus den weit geoeffneten Tueren einer kleinen, unscheinbaren, doch immense Warmherzigkeit ausstrahlenden Kirche dringt, vergessen wir unsere Plaene und treten ein. Man singt, spielt, klatscht lacht und redet, so dass es wie ein Austausch zwischen Generationen erscheint. Wir finden einen Platz und lassen die Waerme und Herzlichkeit dieses Gottesdienstes auf uns wirken... Eines der gluecklichen jungen Gesichter tritt nach vorn, und wird waehrend seiner Rede von einer kleinen Band im Hintergrund begleitet. Der Liedertext wird mithilfe eines Beamers auf eine Leinwand gebracht und der Raum scheint vor positiver Energie nur so zu sprudeln! Mein Blick schweift entlang der liebevoll dekorierten Holzwaende, und ich frage mich wo der sonst so ueblich Prunk des Kirchenturmes geblieben ist? Irgendetwas scheint anders... Die Atmosphäre ist ergreifend, so ergreifend, dass meine Mom und ich fast gleichzeitig die Erfindung des Tempo zelebrieren muessen... ;-) Und zum ersten mal in meinen 19 1/2 Jahren auf dieser wunderbaren Welt, bekomme ich einen Dolmetscherjob angeboten, und zwar von meiner Mutsch, vor der versammelten Kirchengemeinde. Wir bitten darum, ein Paar Worte sagen zu duerfen und treten nach vorn.

"Hier und heute moechte ich "Danke" sagen, fuer diese so andere und wundervolle Begegnung mit der Kirche, mit Gastfreundlichkeit, Warmherzigkeit, und mit ... Gott?! Jeder Tag in Australien, und ganz besonders der heutige, zeigen mir, das Freunde, Liebe und Gemeinschaft tatsaechlich noch funktionieren koennen... und ganz besonders, dass ein Laecheln und wenige Worte ein Problem vermeidet, bevor es ueberhaupt auftritt... Ich wuenschte, alle Menschen wuerden eines Tages solch eine aussergewoenliche Begegnung erleben, wie ich sie heute gemacht habe..."

Ich, fuer meinen Teil, kann gar nicht glauben das Kirche auch anders funktionieren kann... Junge Leute spielen in einer Band, und das zum sonntaeglichen Gottesdienst. Keine dicken, kalten Waende, keine prunkvollen Fenster, keine teuren Kronleuchter und kalte Holzbaenke. Man hat das "Haus Gottes" einfach gehalten, mit Teppich ausgelegt und anstelle ungeduldig quengelnder Kinder, sind diese fleissig am malen und basteln. Sicher habe ich mich zu Hause bei weitem zu wenig mit der Problematik "Kirche, Gott und Bibel" auseinander gesetzt, und sicher funktionieren auch heimatliche Gemeinden zunehmend moderner, aber es war einfach nur unfassbar das nach unserer Rede, eine Welle von Herzlichkeit ueber uns schwappte: wir wurden umarmt, beklatscht und sogar zu einem gemeinsamen Picknick eingeladen. Ganz ohne die geringste Erwartung von Gegenleistungen und voellig unverbindlich erleben wir einen unvergesslichen Nachmittag an den Ufern des Bellinger Fluss. Ich loechere unsere Gastgeber natuerlich mit tausend Fragen, und sie sind mehr als glücklich jene beantworten zu duerfen. Es mag komisch klingen, und sicher wird der eine oder andere diese Einsicht als spaet oder auch nutzlos empfinden, aber zum ersten mal macht Kirche irgendwie Sinn. Wie auch immer man diesen Tag betrachten mag, er hat unseren Horizont um Meilen erweitert, und das ist doch schliesslich warum wir (ich) hier sind, oder?!

Soweit mein Bericht fuer heute, ich weiss ihr wolltet ueber den Weihnachtsmann in Shorts lesen, und ueber die Schaefchen, aber Dafür muesst ihr mir noch ein paar Tage Zeit gewähren ;-)

Ich hoffe ihr hattet einen guten Start 2005 und natuerlich gemuetliche Feiertage!

Und: Ihr habt das sicher alle laengst getan, aber ich moechte trotzdem noch mal sagen, dass jede kleine Spende Leben Retten kann... Auch ich habe etwas von meiner Reisekasse abgeknoepft, und auch wenn das bei weitem noch nicht genug ist, ist es doch ein Zeichen der Anteilnahme und Humanitaet...

Bis demnaechst also, haltet mich mit Neuigkeiten auf dem laufenden, ich freu mich aufs Heimkommen,

beste Gruesse sagt eure Nancy ;-)